Dem Südtiroler Schützenbund und dem Südtiroler Heimatbund sollte die Gesellschaft dankbar sein. Damit meine ich nicht nur die deutsch- und italienischsprachigen Südtiroler, sondern auch Italiens Gemeinschaft.
Denn es ist Heimatbund und Schützen zu verdanken, dass wir heute daran „gezwungen“ sind, uns mit dem 100. Jahrestag des Marsches der Faschisten auf Bozen auseinanderzusetzen. Mit einigen wenigen löblichen Ausnahmen – ich denke dabei an die Gemeinde Bozen und an die Universität – bricht diese Initiative ein allgemeines Schweigen. Und ich sehe hier leider keine offiziellen Stellvertreter jenes Staates, der doch Gründe dafür hätte, hier mit uns am 1. Oktober am Ratshausplatz zu stehen.
Doch war der Marsch auf Bozen das Präambel zur Machtübergreifung Mussolinis in Italien, die Eingangstür für zwei Jahrzehnte verheerender Tyrannei des Faschismus und des Nationalsozialismus in ganz Europa.
Auch am 1. Oktober 1922 schwiegen viele, von denen zu erwarten gewesen wäre, dass sie sich gegen das Unrecht wehren. Militär und Polizei schauten damals tatenlos zu, wie die italienischen Nationalisten gewaltbereit durch die Laubengasse marschierten, und dann mit der Mittäterschaft der damaligen Regierung samt König den Bürgermeister Julius Perathoner absetzten und das Rathaus stürmten. Es war nichts anderes als die Vorbereitung – oder die Durchführung – der gewaltsamen Italianisierung Südtirols, die schon am Jahre zuvor am Blutsonntag ihre ersten Opfer gefordert hatte.
Heute müssen wir also nicht nur – wie Martin Luther King das ausformuliert hat – die ätzenden Worte und bösen Taten der schlechten Menschen bereuen, sondern auch das furchtbare Schweigen der Guten. Denn schweigen, wenn jemandem Unrecht geschieht, heißt sich mitschuldig zu machen.
Ed ecco un fondamentale insegnamento: ieri come oggi nessuno ha il diritto di tacere, quando si tratta di ingiustizie. Nessuno ha il diritto di pensare di non essere coinvolto quando vengono violati i diritti.
Warum war gerade Bozen im Fadenkreuz der Faschisten? Wohl weil Nationalismus das ideale Gelände für Faschismus war – und heute noch ist. Auch im heutigen Rechtsextremismus spielt genau Nationalismus eine entscheidende Rolle. Rechtsextremisten sehen gestern wie heute die sogenannte Nation durch viele externen Einflüsse bedroht, wie zum Beispiel durch die Zuwanderung. Der Nationalismus geht hier mit aggressiver Fremdenfeindlichkeit, oder – besser gesagt: mit Rassismus – einher, und verlangt Gebietserweiterung, um dem eigenen Volke „Lebensraum“ zu schaffen.
Egal, ob diese Gebietserweiterung durch Krieg, militärischen Sondereinsatz, Friedensverträge die das Recht auf Selbstbestimmung missachten, geschieht. Nationalismus ist einer der entscheidenden Faktoren.
Kann man übersehen, wie dieses Thema heute noch aktuell ist?
Auch die Südtiroler wurden damals als fremd angesehen, denn es gab „kein anderes Gesetz als Italien“, wie vor 100 Jahren hier bei der Stürmung des Ratshauses die Faschisten vom Balkon verkündeten. Auch in Südtirol wurde bekanntermaßen mit kriminellen Methoden eine Zwangsnationalisierung durchgeführt, leider nicht nur während des Faschismus, sondern – wieder im ohrenbetäubendem Schweigen der Guten! – auch lange in die italienische Republik hinein, die für zu lange Zeit denselben Leuten, die unter dem Faschismus an der Macht waren, erlaubt hat, die Machtpositionen nicht nur aufrecht zu erhalten, sondern sogar zu verstärken. Der Ausgang des Mailänder Prozesses und der sogenannte Folterprozess bestätigen dies nur zu gut.
Sieht man nicht, wie die Geschichte sich wiederholen kann, besonders, wenn sich die Gesellschaft nicht mit der Aufarbeitung der eigenen Fehler befasst?
Können wir wirklich sagen, dass wir genug Antikörper haben, um eine neuen Machtübernahmen des Faschismus für immer verhindern zu können? Nein!
Und damit beziehe ich mich nicht auf den Ausgang der letzten Wahlen, die die Nachfolger des Movimento sociale italiano samt fiamma tricolore belohnt haben. Denn wenn eine demokratische Wahl eine Partei belohnt, die noch Verherrlicher der Mussolini-Ära in den eigenen Reihen sieht, ist dies nicht Grund, sondern Folge der mangelnden Aufarbeitung, die den nie ganz ausgerotteten Viren des Faschismus erlaubt hat 100 Jahre lang zu überleben. Denselben Viren verdanken wir es wohl es hier in Bozen! – noch ein Siegesdankmal, einen Siegesplatz und andere Straßennamen gibt, die den Faschismus verherrlichen.
I fascisti hanno proclamato qui, 100 anni fa, che non c’era altra legge che la loro. La legge del più forte, la legge della violenza, del sopruso, dell’intolleranza, del razzismo.
Sie hatten allerdings Unrecht!
Wir wissen heute, dass alle Menschen frei und gleich an Würde und Rechten geboren sind, dass wir uns einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen, wie es 1948 die allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Generalversammlung der Vereinten Nationen verkündet.
Allerdings, was wir auch jüngst noch gelernt haben. Man muss sich für diese universellen Werte täglich einsetzen, da diese niemals als selbstverständlich angesehen werden können.
Unser Zusammenkommen soll heute beweisen, dass es hier, wir heute bekunden, dass es kein anderes Gesetz gibt als das der Toleranz, des Dialoges, der Nichtdiskriminierung, der Gerechtigkeit, der Solidarität und der Gleichheit.