Umstrittene Mehrsprachigkeit – wo bleibt der Schutz der Muttersprache?

BOZEN – Am Samstag, 18. Februar 2017 fand in der EURAC in Bozen eine Tagung des „Landesbeirates der Eltern“ (LBE) statt, in der es schwerpunktmäßig um das umstrittene Thema „Mehrsprachigkeit“ an den deutschen Schulen Südtirols ging.

Und wie bestellt wurde publik gemacht, dass der SVP / PD-Senator Francesco Palermo am 20.02.2017 einen Gesetzesentwurf eingebracht hat, um offiziell eine „gemischte Schule“ flächendeckend in Südtirol einzuführen.

LBE-Tagung: Muttersprache – Fehlanzeige

Wohl eher zufällig fand die Tagung des LBE im Vorfeld des „Welttages der Muttersprache“ am 21. Februar 2017 statt. Denn um den Schutz der Muttersprache sollte es erkennbar nicht gehen.

Neben zahlreichen Vertretern aus Politik und Landesverwaltung, die sämtlich für eine flächendeckende, mehr oder weniger „gemischte Schule“ eintraten, war auch mit SSB-Medienreferent Efrem Oberlechner ein Vertreter des Schützenbundes geladen, um in der anschließenden Podiumsdiskussion den Teil der Südtiroler Bevölkerung zu repräsentieren, die diesen Experimenten kritisch gegenüberstehen.

Efrem Oberlechner führte dabei fundiert aus, warum solche „Mehrsprachigkeitsmodelle“ für ein Minderheitengebiet wie Südtirol und dessen kulturelle Vielfältigkeit von geringem Nutzen, wenn nicht Schaden sind.

Zum einen widersprechen diese Modelle, die im Prinzip alle auf eine flächendeckende „gemischte Schule“ hinauslaufen, unserem Autonomiestatut, das in Art. 19 klar festlegt, dass der Unterricht in der Muttersprache der Schüler zu erfolgen hat. Und zwar von Lehrpersonen, für welche die betreffende Sprache ebenfalls die Muttersprache ist.

„Weltbeste Autonomie“?

Diese Bestimmungen wurde aus gutem Grund in unser Autonomiestatut aufgenommen: nur eine klare Regelung in diesem Bereich schützt die Südtiroler Minderheit vor Eingriffen des römischen Zentralstaates im Schulbereich, der, im Gegensatz zu fast allen anderen Minderheitengebieten in Europa, leider nicht in die ausschließliche Gesetzgebungsbefugnis Südtirols fällt. Das Fehlen dieser anderswo selbstverständlichen Entscheidungskompetenz einer Minderheit sagt viel über die vielbeschworene „weltbeste Autonomie“ Südtirols aus.

Italienisch statt Deutsch?

Allenthalben wird von den Befürwortern der „gemischten Schule“ in Landesregierung und Landesverwaltung ins Treffen geführt, dass „niemandem etwas genommen wird“. Wirklich?

Efrem Oberlechner wies in seinem Beitrag klar darauf hin, dass bei Modellen wie dem umstrittenen „CLIL“ eine eindeutige Umschichtung von Unterrichtsstunden zugunsten des Italienischen stattfindet. Und dies, obwohl bereits medial ausgiebigst (u.a. in der Tageszeitung „Dolomiten“) von Fachleuten thematisiert worden war, dass solche gemischte Schulen in Minderheitengebieten dazu führen, dass unsere Kinder weder in der Muttersprache noch in der Fremdsprache sattelfest sein werden.

Anstelle solcher teuren und sinnlosen Experimente schlug Efrem Oberlechner vor, das Italienische als das zu vermitteln, was es für uns deutsche Südtiroler ist: eine Fremdsprache.

Leerformel „Zweitsprache“ – SSB fordert Entideologisierung der Diskussion

Dies würde durch eine Umstellung des derzeitigen, literaturlastigen „Zweitsprachenunterrichts“ hin zu einem modernen Fremdsprachenunterricht erreicht werden. Denn das Modell „Zweitsprachenunterricht“ geht von der zwar politisch gewünschten, aber völligst realitätsfernen Annahme aus, Italienisch sei für uns deutsche Südtiroler keine Fremd- sondern eine „Zweitsprache“. Der Abschied von dieser teuren und sinnlosen Illusion könnte ein erster Schritt sein, die Thematik zu „entideologisieren“ und nach modernen pädagogischen Gesichtspunkten nach den besten Lösungen zu suchen.

Übrigens wird eine solche „Entideologisierung“ gerade von den Befürwortern der „gemischten Schule“ wie LR Achammer stets gebetsmühlenartig gefordert. Nun, der Abschied vom Konzept der „Zweitsprache“ wäre ein erster, wichtiger Schritt in diese Richtung.

Mangelnde Qualität des CLIL-Fachunterrichts

Zudem verwies Efrem Oberlechner auf die mangelnde Qualität des Fachunterrichts, wenn dieser gemäß CLIL-Projekt in einer Fremdsprache vermittelt wird. Auch darf die Schule nicht auf die Vermittlung von Fremdsprachen reduziert werden, denn die Wissensvermittlung umfasst weit mehr Aspekte und Aufgaben. Gerade der Fremdsprachenunterricht könnte durch ein freiwilliges Zusatzangebot ausgebaut werden, das interessierte Eltern und Schüler auf freiwilliger Basis in Anspruch nehmen könnten.

Efrem Oberlechner erwähnte die schlechten Ergebnisse der Vermittlung von Italienisch der Evaluierung der kursierenden CLIL-Projekte. Zudem gebe es weder an der deutschen noch an der italienischen Schule Studien über die Sprachkompetenz der Schüler oder den Ist-Zustand über einen längeren Zeitraum. Besonders bei der italienischen Schule verwundert dies sehr, da dort schon seit Jahren der Immersionsunterricht praktiziert werde.

Erfolgsmodell Deutsche Schule verwässern?

Die wenigen Studien, die zur Verfügung stehen, zeigen hingegen ein sehr positives Bild der muttersprachlichen deutschen Schule: sowohl die PISA-Studie als auch die Kollipsi-Studie belegen ein signifikant besseres Abschneiden der deutschen Schüler gegenüber ihren italienischen Kollegen. Warum sollte Südtirol sich also ohne Not von einem solchen Erfolgsmodell verabschieden und in ein schlechteres wechseln?

Frühunterricht in Fremdsprache – Wunschdenken von Fremdsprachenlobbys?

Efrem Oberlechner ging ebenfalls auf das gebetsmühlenartig vorgetragene Argument ein, dass ein möglichst früher Unterricht einer Fremdsprache vorteilhaft für unsere Kinder sei.

Studien aus der Schweiz (insbesondere die Studien der Linguistin Simone Pfenninger, die u.a. von führenden Medien wie der „Neuen Zürcher Zeitung“ oder der „Baseler Zeitung“ breit thematisiert wurden), aber auch aus Israel (u.a. von der Universität Haifa) belegen, dass dies genau nicht der Fall sei.

Interessant dabei sei die Rolle der Fremdsprachenlobby: laut „NZZ“ sei die möglichst frühe Vermittlung von Fremdsprachen ein Riesengeschäft für die Sprachzentren. Daher würden sich diese vehementest gegen jede wissenschaftliche Evaluierung dieser Modelle wehren.

Doch, so Efrem Oberlechner, nicht das Interesse der Lobbys solle bei Schuldiskussionen im Vordergrund stehen, sondern alleine das Interesse der Schüler.

Deutsche Lehrer benachteiligt?

Auch die Roller der Schule als Arbeitgeber wurde von Efrem Oberlechner beleuchtet: bei einer „gemischten Schule“ und schon jetzt mit den CLIL-Projekten steht zu befürchten, dass die Stellen für deutsche Lehrer abnehmen werden. Der Autonome Südtiroler Gewerkschaftsbund (ASGB) hatte auf diese Gefahr schon beizeiten hingewiesen. Interessant, dass sich von den Verantwortlichen in Landesregierung und Landesverwaltung noch niemand zu dieser Befürchtung geäußert hat.

Vorschläge des SSB

Efrem Oberlechner schloss seine Worte mit einem Appell: Südtirol sollte sich von Sprachexperimenten auf Kosten der Muttersprache verabschieden. Denn die Muttersprache sei für eine ethnische Minderheit das höchste Gut.

Stattdessen sollte die Methodik des Italienischunterrichtes verbessert werden, um eine zeitgerechte Vermittlung dieser Fremdsprache endlich in Angriff zu nehmen.

Modelle wie eine „gemischte Schule“ seien nicht im öffentlichen Interesse, könnten aber jederzeit durch Privatinitiative entstehen. Dann würde sich ja zeigen, ob dieses Modell wirklich so begehrt sei, wie von den Vertretern der „gemischten Schule“ immer behauptet.

Reaktionen aus dem Publikum

Schon während der ganzen Tagung fiel auf, dass aus dem Publikum immer wieder kritische Fragen in Richtung Veranstalter gestellt wurden. Von einer einhelligen Begeisterung für die „gemischte Schule“, die sich die Veranstalter wohl erwarteten, konnte keine Rede sein. Interessant dabei, dass diese kritischen Stimmen in den Medien nicht die geringste Berücksichtigung fanden.

Gesetzentwurf von Francesco Palermo

War schon die LBE-Tagung davon gekennzeichnet, dass das Recht auf Muttersprache für dieses Gremium wenig Wert hat, so geht der SVP / PD – Senator Francesco Palermo schon einen Schritt weiter.

Palermo hat angekündigt, einen Verfassungsgesetzentwurf ins römische Parlament einzubringen, der die flächendeckende Einführung einer gemischten Schule vorsieht.

Südtiroler sollen endlich nachgeben – Ärzte aus Burkina Faso perfekt zweisprachig

Es sei an der Zeit, dass die Südtiroler sich endlich bewegten, so Palermo: „Selbst aus Burkino Faso kommen perfekt zweisprachige Ärzte“, so Palermo wörtlich.

Interessant, dass ein Vertreter des italienischen Mehrheitsvolkes nun uns Südtirolern vorschreiben möchte, was wir zu tun haben. Es sind genau diese Geister, die der LBE mit seiner Tagung hervorruft und die man dann schwerlich wieder loswird.

Das Gleiche gilt für die SVP: wie möchte denn SVP-Obmann Achammer nun diesen Angriff auf das Autonomiestatut abwehren, wenn er selbst dauernd, alle mahnenden Stimmen konsequent ignorierend, gemischtsprachige Modelle forciert?

Der SSB freut sich jedenfalls sehr, dass der italienische Senator Palermo anscheinend gar einige perfekt zweisprachige Ärzte aus Burkina Faso kennt und wünscht Senator Palermo eine gedeihliche Kommunikation mit diesen perfekt zweisprachigen Ärzten.

Daraus gleich eine Änderung unseres Autonomiestatuts abzuleiten, davor würde der SSB aber doch warnen.

Vielleicht erkennt die SVP ja diesmal die Gefahr, die davon ausgeht?

Der SSB wird sich jedenfalls stets unermüdlich dafür einsetzen, dass unseren Kindern ein erfolgreiches, muttersprachliches Schulmodell erhalten bleibt, damit sie als Tirolerinnen und Tiroler in ihrer Heimat aufwachsen können!

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