Benedikt Sauer gegen Doppelstaatsbürgerschaft – Südtiroler Schützenbund antwortet

BOZEN – Es ist schon sonderbar, zu welch absurden Thesen sich Herr Sauer in seinem Meinungsartikel in der Tiroler Tageszeitung zur Wiederverleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft an Südtiroler versteigt. Er glaubt, bzw. behauptet allen Ernstes, es sei geplant gewesen, Südtirolern „voraussetzungslos“ die österreichische Staatsbürgerschaft zu verleihen. Damit fangen schon seine Missverständnisse an, die man wohl am besten Schritt für Schritt korrigiert. Damit werden die Falschinformationen zu diesem Thema zwar nicht verschwinden, aber es ist zu hoffen, dass sie – wenigstens temporär – abnehmen.

Die vorgeschlagene Wiederverleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft für Südtiroler basiert ganz einfach auf dem Abstammungsprinzip – übrigens genau das juridische Prinzip, nach dem Herr Sauer selbst seine Staatsbürgerschaft erworben hat. Südtiroler, deren Vorfahren Staatsbürger der ersten österreichischen Republik waren (also zwischen 1918 und 1920, bevor Südtirol gegen den Willen der einheimischen Bevölkerung zu Italien kam) sollten die Möglichkeit bekommen, die österreichische Staatsbürgerschaft wiederzuerlangen. Auf Antrag wohlgemerkt, ganz ohne Zwang.

Wo sich Herr Sauer aber in völlig falschen Aussagen verstrickt (hoffentlich nur durch einfaches Unwissen und nicht durch Vorsatz), ist wenn er behauptet, der Zusatz-Pass sei nur für jene gedacht, die sich bei der Volkszählung als der deutschen oder ladinischen Sprachgruppe zugehörig erklärt haben. Es kommt aber in Wahrheit nicht auf die Sprachgruppenzugehörigkeit, sondern auf die Abstammung ab, also das Prinzip, nach dem fast alle Staatsbürgerschaften auf der Welt verliehen werden – auch die österreichische. Welche Muttersprache der Südtiroler Antragsteller heute spricht, spielt also per se keine Rolle.

Herr Sauer möchte seinem Namen wohl alle Ehre machen, wenn er bewusst unterstreicht, dass es darum geht, Südtirolern, „die in Südtirol leben“, den rot-weiß-roten Pass zusätzlich zum italienischen zu verleihen. Er verschweigt dabei geflissentlich, dass solche Doppelstaatsbürgerschaften für Minderheiten in ganz Europa funktionieren: in Schlesien (polnisch-deutsch), in Nordirland (irisch-britisch), ja gerade Italien hat gezeigt wie man es problemlos umsetzen kann, als es den italienischstämmigen Menschen in Slowenien und Kroatien die italienische Staatsbürgerschaft verlieh.

Besonders abenteuerlich werden die Sauer‘schen Ansichten, wenn er befürchtet, es würden zwei Kategorien von Südtirolern entstehen: „privilegierte Deutsche/Ladiner und andere“. Zu den „anderen“ zählt er übrigens auch die eingebürgerten Migranten mit italienischem Pass – er vergisst wohl, dass diese neben dem italienischen Pass fast ausnahmslos ihre ursprüngliche Staatsbürgerschaft behalten.

Der österreichische Pass ist für viele Südtiroler natürlich eine Herzensangelegenheit, aber „Privileg“ wäre es nicht. Zur Veranschaulichung: Ein pakistanischer Staatsbürger, der in Südtirol lebt und die italienische Staatsbürgerschaft erlangt, hat die gleichen Rechte und Pflichten wie alle anderen Südtiroler – zu Recht. Dabei geht es niemanden etwas an, ob er neben der italienischen Staatsbürgerschaft auch die pakistanische besitzt. Dasselbe gilt natürlich auch für einen Südtiroler ohne Migrationshintergrund: niemanden geht es etwas an, ob er neben der italienischen eventuell auch die österreichische Staatsbürgerschaft hat.

Wenn man bei der Lektüre seines Artikels glaubt, dass die Meinung von Benedikt Sauer nicht realitätsferner sein könnte, stolpert man über seine Aussage, dass in Südtirol Spannungen aufgrund eines „Bekenntniszwangs“ wie der Sprachgruppenzugehörigkeitserklärung bestehen.

Offensichtlich hat Herr Sauer hier etwas Grundlegendes nicht verstanden: Südtirol muss sich seit jeher den zentralistischen, bevormundenden, assimilierenden Tendenzen des italienischen Fremdstaates zur Wehr setzen. Warum Südtiroler das tun und es somit zu Spannungen kommt? Eben weil Südtiroler keine „Italiener“ sind. Erst wenn Herr Sauer das endlich einsieht, wird er auch die Bedeutung der österreichischen Schutzmachtfunktion für Südtirol, von der er so vollmundig spricht, verstehen.

Mjr. Elmar Thaler
Landeskommandant

Tiroler Tageszeitung, 11.01.2016, Seite 2

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