Von der Notwendigkeit und der gleichzeitigen Unmöglichkeit, Kriege zu erklären

TIROL – Den Krieg muß man erklären, weil ihn sonst keiner verstehen würde soll Maxi Böhm einmal gesagt haben. Das gilt auch heute noch, gleich in doppeltem Sinne. Wie unverständlich ist es für uns doch, dass 1914 der Erste Weltkrieg ausgebrochen ist und ein absolut törichtes Kräftemessen seinen tödlichen Lauf nahm. Und wie traurig und schwerwiegend war und ist es für unser Land, dass heute vor 100 Jahren uns Italien den Krieg erklärt hat. Es gab dafür keine wirkliche Notwendigkeit. Italien war nicht in Bedrängnis, hätte nur stillhalten brauchen, bis der Sturm vorübergeht. Stattdessen hat es die scheinbare Gunst der Stunde genutzt und in Folge weit über eine halbe Million Soldaten sinnlos in den Tod geschickt. So einen Krieg kann man nicht erklären, bis heute nicht.

Nicht erklären kann man sich auch warum der italienische Staat anlässlich des 100. Jahrestages des Kriegseintritts, so unreflektiert mit der eigenen Geschichte umgeht: an allen öffentlichen Gebäuden soll die Trikolore ausgehängt werden. Nicht etwa auf Halbmast, sondern zur Feier des Tages.

Einen Angriffskrieg als Feierlichkeit zu zelebrieren, statt ihn mit ehrfürchtigem Gedenken an die Opfer als Trauertag zu gestalten, ist gelinde gesagt unangebracht, beleidigend und töricht.

Bei solch einer Geschichtsauffassung braucht man sich nicht zu wundern, dass der Staat und die italienischen Nationalisten generell, egal ob links oder rechts, selbst im 21. Jahrhundert noch an faschistischen Denkmälern und gefälschten Ortsnamen in Südtirol festhalten und trotz Unrecht keinen Millimeter zurückweichen.

Da ist es eindeutig zu wenig, wenn die Verteidigungsministerin Pinotti damit prahlt, dass man in den italienischen Schulen einen Aufsatzwettbewerb zum Thema „Mai più trincee“ (Nie wieder Schützengräben) abgehalten hat. Wie möchte die Verteidigungsministerin künftig Kriege vermeiden, wenn ihr nicht einmal klar ist, dass ein Angriffskrieg nicht verherrlicht, sondern bedauert werden sollte? Kritische Aufarbeitung sieht anders aus.

Im Übrigen sollte sich Frau Ministerin Pinotti fragen, ob es denn nicht eine geschmacklose Aktion ist, wenn italienische Soldaten in diesen Tagen einen Staffellauf durch alle „eroberten Gebiete“ veranstalten, so auch durch Südtirol. Gerade durch solch provokante Demonstrationen der Landnahme erneuert man den unseligen nationalistischen Geist, der Europa in zwei Weltkriege gestürzt hat. Statt eine Soldatenstaffel durch Südtirol rennen zu lassen, sollte sich Frau Pinotti vielmehr fragen, welche Heereseinheiten sie kurzfristig aus Südtirol abziehen könnte.

Es ist deshalb besonders begrüßenswert, dass der Südtiroler Landeshauptmann beschlossen hat, sonntags an den Landesgebäuden die Trikolore nicht hissen zu lassen. Nur durch solche Widerstandsaktionen kann unser Land dem Staat zeigen, wenn er wieder einmal Unrecht hat und uns abermals ein typisch unausgegorenes Konzept an den Kopf werfen möchte.

Um den italienischen Staat immer wieder in die Schranken zu verweisen, können und müssen wir Südtiroler unsere Wünsche, Bedürfnisse und – besonders wichtig – Rechte klar aufzeigen. Allein wenn wir uns die Entwicklung der letzten Jahre anschauen, ist es dringend an der Zeit, dass Südtirols Volksvertreter Konsequenz und Schneid an den Tag legen. Der vorauseilende Gehorsam und die Appeasement-Politik müssen aufhören – Südtirol muss „Flagge zeigen“. Umso besser, wenn der erste Schritt vom Landeshauptmann persönlich kommt.

Eines dürfen wir auch nach fast einem Jahrhundert Zugehörigkeit zu einem fremden Staat nicht vergessen: Das „anders sein“ ist nicht nur die Grundlage für das Selbstbestimmungsrecht, sondern auch für die Autonomie. In dem Moment, wo wir uns angepasst haben und geistig in den italienischen Staat aufgegangen sind, haben wir den Anspruch auf beides verloren.

100 Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges hat Landeshauptmann Kompatscher erste Zeichen hierfür gesetzt. Weitere und noch viel konkretere werden folgen müssen.

Mjr. Elmar Thaler
Landeskommandant

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