„Ein frei denkender Mensch bleibt nicht da stehen, wo der Zufall ihn hinstößt“, hat der deutsche Dichter Heinrich von Kleist einmal gemeint. Und gerade wir Tiroler sind bekannt für unsere Freiheitsliebe. Wie oft haben sich unsere Vorfahren in den vergangenen Jahrhunderten das Recht herausgenommen, auf die ihnen zustehenden Freiheitsrechte zu pochen und die eigene Zukunft selbst zu gestalten. Und in dieser Tradition stehend, sind wir heute zusammengekommen. Zusammengekommen, um nach Jahrzehnten der Abhängigkeit von einem fremden Staat friedlich und im Geiste europäischer Einigkeit die nächsten Schritte für eine erfolgreiche und sichere Zukunft unseres Landes einzufordern.
Wir sind uns bewusst, dass es nie zuvor möglich gewesen wäre, dies in der heutigen Offenheit zu tun. Jahrzehntelang wäre eine solche Forderung unter schwerer Strafe gestanden. Jahrzehntelang wäre sie undenkbar gewesen. Durch gute Verhandlungstaktik der Politik, auch durch den selbstlosen Einsatz der Freiheitskämpfer, durch viel glückliche Fügung und nicht zuletzt durch den Fleiß vieler hier im Land lebender Menschen hat Südtirol einen Wohlstand erreicht, der unser Landesteil im Konzert der europäischen Regionen zu einem wertvollen und wichtigen Orchesterteil gemacht hat.
Was hat es für Diskussionen gegeben, zu unserer heutigen Veranstaltung! Ob angemessen oder übertrieben, ob zu früh oder zu spät. Wir respektieren alle Bedenken, insofern sie konstruktiv und mit Anstand vorgetragen wurden. Aber trotz allem möchten wir hier und heute mit unserer Anwesenheit allen nochmals eindrücklich sagen: Wir haben es satt, uns zaghaft zu fragen, was die Zukunft bringen wird. Wir haben es satt, uns zu fragen, was passieren wird, wenn die Dinge in Rom so oder anders laufen. Wir haben es satt, an einen Staat, der mit unserer Heimat nichts gemein hat, gebunden zu sein und im schlimmsten Fall mit ihm unterzugehen. Wir, wir wollen die Freiheit! Freiheit anzustreben ist nichts anderes als Verantwortung zu übernehmen. Freiheit ist Verantwortung. Wir sind uns durchaus bewusst, dass es ohne gegenseitiges Verständnis keine Freiheit geben kann.
Es gibt heute mehrere Volksgruppen in unserem Land, die alle hier ein Heimatrecht haben. Und trotzdem oder gerade deshalb sind wir überzeugt, dass es für die Zukunft nicht gut ist, dass wir in der Frage der Weiterentwicklung unseres Landes, in der Frage der wirtschaftlichen und staatlichen Zugehörigkeit alles nur aus Rücksicht auf eine einzige Volksgruppe dieser unterordnen. Es braucht daher Lösungen, die allen, wenigstens auf den kleinsten Nenner gebracht, gerecht werden.
Insofern haben sich die deutschen Parteien ja löblicherweise bereits Gedanken gemacht. Von der Vollautonomie über den Freistaat, von der Wiedervereinigung Tirols bis hin zur Rückkehr zu Österreich. Und wir könnten hier nun jedes dieser Modelle diskutieren und zerlegen, weil ein jedes Stärken und Schwächen hat. Das werden wir heute aber nicht tun. Weil wir darauf vertrauen, dass die Politiker, wenn sie unsere großartige Willensbekundung heute Abend mitverfolgen, wissen, was wir uns wünschen. Nämlich zum einen die Einsicht, dass ein verwässertes Profil in jedem Zusammenleben der Toleranz viel weniger dient, als wenn man selbst seine eigenen Werte immer wieder hinterfragt und auch dafür einsteht.
Es gibt eigentlich nichts mehr, was uns bei Italien hält. Weder kulturell, noch wirtschaftlich und schon gar nicht autonomiepolitisch haben wir von diesem Staat etwas zu erwarten“
Wir wünschen uns von unseren Politikern, dass sie für die Heimat endlich auch einmal einen mutigen Schritt setzen. Und zum anderen wünschen wir uns, dass sie beginnen, ihre salbungsvollen Worte der Vergangenheit nun endlich in Taten zu fassen und aus den Ereignissen der letzten Wochen, Monate und Jahre ihre Schlüsse ziehen. Es gibt eigentlich nichts mehr, was uns bei Italien hält. Weder kulturell, noch wirtschaftlich und schon gar nicht autonomiepolitisch haben wir von diesem Staat etwas zu erwarten. Es dürfte klar sein, dass die Zeit der Sonderbehandlungen in Italien vorbei ist. Italien kann sich keine autonomen Regionen mehr leisten, und wir können uns umgekehrt Italien nicht mehr leisten. Wer das Gegenteil behauptet, schaut der Realität einfach nicht ins Auge.
Aus alledem resultiert unser Herzenswunsch: Der Abschied von Italien.
Damit auch bei uns endlich wieder Kräfte frei werden, welche uns aus festgefahrenen Denkmustern im eigenen Land lösen, und gleichzeitig die Bande zu unseren nördlichen Nachbarn wieder stärker wachsen. Ressourcen, die aus den Quellen jahrhunderte langer gewachsener Tradition schöpfen und Nationalismen des vergangenen Jahrhunderts hinter sich lassen. Ressourcen, welche die Unwichtigkeit der Grenzen im vereinten Europa neu interpretieren und zurechtrücken, was unselige Geschichte entrückt hat.
Als frei denkende Menschen bleiben wir nicht da stehen, wo uns der Zufall hinstößt, und als Visionäre fragen wir nicht, was die Zukunft bringt. Wir gestalten sie mit, und brauchen dazu kein Parteidenken und keine Einsager. Als heimatliebende Menschen sagen wir nochmals laut und deutlich: Wir wollen die Freiheit für unsere Heimat.