Sehr geehrter Herr Kurat, werte Ehrengäste und Gäste der heutigen Gedenkfeier, liebe Marketenderinnen und Schützenkameraden.
Die heutige Aufgabe ist für mich eine besondere Herausforderung, ist sie doch ein Zeichen des gegenseitigen Vertrauens im Verband der Tiroler Schützen.
Ich bitte Sie aber, mir zu gestatten, zuerst auf den heutigen Gedenktag direkt Bezug nehmen zu dürfen.
Anlässlich der vergangenen Diskussion um die Person Andreas Hofers, aber auch als Vorbereitung für das Jahr 2009 habe ich mich intensiv mit der Zeit und seiner Person, aber auch den Hintergründen für das Handeln und die Entscheidungen Hofers, seiner Berater und Mitarbeiter beschäftigt. Bei der Arbeit an der heutigen Gedenkansprache habe ich mich dabei ertappt, in den selben Fehler zu verfallen, den ich all jenen vorwerfe, die die Person Andreas Hofers für ihre vielfältigen und oft völlig divergierenden Interessen instrumentalisierten und oft auch missbrauchten.
Im intensiven, aber immer noch unvollständigen Studium dieses bedeutenden Mannes habe ich eine vielseitige Person kennen gelernt. Eine Person, die durch ihre unterschiedlichen Facetten reichlich Stoff für Interpretationen und Deutungen bietet. In den wenigen Monaten, in denen Andreas Hofer die Geschichte des Landes entscheidend prägte und veränderte, begegnet uns ein Mann, in dessen Wirken sich die Widersprüchlichkeit seiner Zeit spiegelt. Neben dem entscheidungsfreudigen und mutigen Kommandanten, der geschickt auf die Stärken seiner Männer setzt, sie motiviert und ihre Begeisterung für die Freiheit ihres Heimatlandes stärkt, sehen wir den verzweifelten Mann, der seine wahre charakterliche Größe in der Not und Einsamkeit der Gefangenschaft und seine Tapferkeit im Angesicht des sicheren Todes zeigt.
Neben dem Triumphator von Innsbruck, dem der ferne Kaiser, vielleicht auch um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, Ehrengeschenke überreichen lässt, erkennen wir den Getriebenen, der zwischen Friedenspartei und Kriegspartei schwankt, der einem Aufruf zur Niederlegung der Waffen mit Sturmaufrufen widerruft und schließlich erkennen muss, dass sein Schicksal das des ganzen Landes sein könnte; neben dem obersten Richter des Landes, der in den letzten Wochen Todesurteile gegen widersprechende Landsleute unterschreibt oder unterschreiben muss, begegnen wir dem gottergebenen Gläubigen, der sein Los in die Hand des Allmächtigen legt und immer wieder zur Gottesmutter um Hilfe pilgert.
Ein wichtiger Mann unseres Landes hat mir vor Jahren zu erklären versucht, warum man als Schütze am Bild unseres Landeshelden nicht kratzen dürfe.
Mein Respekt für Andreas Hofer und sein Wirken ist allerdings gerade deshalb größer geworden, weil ich ihn als Menschen mit Stärken und Schwächen sehen gelernt habe, als einfachen Tiroler, der in Treue zu seinem Land und aus Furcht vor Entwicklungen, die er aus seiner Sicht als unvorteilhaft für dieses Land empfand, für seine Heimat mit den Mitteln der damaligen Zeit einstand. Wieder einmal ist mir bewusst geworden, wie schwer es ist, aus heutiger Sicht ein objektives Urteil zu sprechen und wie schnell Vereinfachungen und unvollständige zitathafte Betrachtungen zur zweifelhaften Unterstützung eigener Ziele gefunden werden können.
In dieser Beschäftigung mit Hofer und seinen Mitstreitern wurde ich gefestigt in meinem Bekenntnis zur Geschichte meiner Heimat in ihrer Vielfältigkeit, den Höhen und Tiefen, den Tagen der Freude und jenen der Verzweiflung, den Siegen und den Niederlagen, den Stärken und den Schwächen. Die intensive Beschäftigung mit der Person Andreas Hofers hat mich bestärkt in meinem Versuch, treu zu meinen Grundsätzen zu stehen, sie immer wieder zu hinterfragen und weiter zu entwickeln und dabei aufbauend auf ein christlich geprägtes Weltbild größtmögliche Objektivität zu suchen.
Objektivität muss frei sein von Einseitigkeit, muss offen sein für Kritik und die Meinung des anderen. Diese Bereitschaft zur Offenheit erfordert aber auch die Offenheit und Ehrlichkeit meines Gegenübers im Gespräch und im Dialog.
Es war für mich daher eine Verpflichtung, im Ringen um den gemeinsamen Verband, diese Bereitschaft zum Zuhören und zum Versuch des Verstehens der Meinung der Partner als Grundlage und Basis der Arbeit anzubieten aber auch einzu- fordern. Unsere Zusammenarbeit muss auf einem Grundvertrauen zwischen den Bünden aufbauen können; Bünden, die sich in ihrer Geschichte und Aufgabengebieten durchaus unterschiedlich entwickelt und aufgestellt haben. Sie muss aufbauen auf der Diskussion der unterschiedlichen Standpunkte, soweit es solche gibt, der Akzeptanz, ja Toleranz, wenn ein Bund auf seiner Position beharrt, sie muss aufbauen auf dem Verständnis füreinander und der Vermeidung der Überforderung. Aufbauend auf dieses Verständnis füreinander unterstützen wir das Ringen des Südtiroler Schützenbundes um einen historisch wahrhaftigen Zugang in der Frage der Ortsnamensgebung und seine Forderung nach einer Beseitigung faschistischer Denkmäler. Denkmäler, die noch immer ihrem Zweck als Symbole der Demonstration der tatsächlichen Machtverhältnisse im Lande dienen.
Unsere gemeinsame Arbeit kann Musterbeispiel für das Zusammenführen unserer Landesteile sein. Wenn wir von der Politik zu Recht ein viel größeres Engagement in Fragen der politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Verflechtung und einen Abbau des durchaus zu bemerkenden Länderegoismus fordern, so liegt es an uns, die vielen bereits bestehenden und meist sehr gut funktionierenden Partnerschaften auf den verschiedensten Ebenen der Tiroler Schützen, die Begegnungen zwischen den Tirolern über bestehende oder künstlich geschaffene Pässe hinweg zu fördern und zu vertiefen. Mit einigem Stolz stelle ich fest, dass die Schützen seit vielen Jahren hier eine Vorreiterrolle eingenommen haben und dass andere Verbände, die im Tiroler Traditionsforum zusammengefasst sind, immer mehr Interesse an der Zusammenarbeit mit Partnern in Südtirol bekunden.
Wir sollten uns insbesondere aber bemühen, dieses Interesse an der innertirolischen Zusammenarbeit zu verbreitern und dabei die 1984 geschaffenen Gemeindepartnerschaften wieder mit mehr Leben zu erfüllen und zusätzliche Aktivitäten in unseren Gemeinden anzuregen. Oft scheint es, dass der Einsatz für das Große die Basisarbeit vergessen lässt. Es muss wieder so sein, dass eine Fahrt nach Südtirol für einen Nordtiroler nicht eine Fahrt nach Italien ist, sondern eine Fahrt in einen anderen Teil Tirols, oft genauso überraschend und aufschlussreich wie die Fahrt eines Unterinntalers ins Oberland. Die Frage nach dem Zielort eines Abstechers eines Südtirolers in meinem Heimatort sollte auch nicht mehr beantwortet werden mit der Bemerkung er sei bei den „Österreichern“ gewesen. Klarerweise hat mich noch auf keiner Schullandwoche in Frankreich oder England die Frage: Are you the Austrians? Also: Seid‘s es die Österreicher? gestört. Als sie aber voriges Jahr bei meiner seit vielen Jahren wieder ersten Südtirolwoche beim Warten auf den Einlass in ein Museum gleich zweimal an meine Schüler gestellt wurde, antwortete sogar einer meiner 14-jährigen: „Na mir sein aa Tiroler“.
Die unterschiedliche Entwicklung der Landesteile hat auch zunehmend zwei Identitäten geschaffen. Die Begriffe Südtirol oder der Südtiroler werden dabei auch immer mehr zur Abgrenzung vom restlichen Tirol, dem österreichischen Bundesland Tirol, verwendet. Das mag aus wirtschaftlichen Gründen kurzfristig gesehen notwendig und durchaus erfolgreich sein. Die Geschichte lehrt allerdings, dass solche Abgrenzungen zunehmend ein Eigenleben entwickeln und jenen in die Hände spielen, die von der Trennung profitieren.
Wer verstärkt auf die Karte der eigenen Identität setzt, darf sich auch nicht wundern, wenn das Verständnis für die Probleme seines Landesteiles bei den Menschen des jeweilig anderen Teiles schwindet oder gar verschwindet, weil man nicht mehr von „uns“ und den „unsrigen“ sondern immer mehr von „dei“ oder „die andern“ spricht.
Die gemeinsame Marke „Tirol“, das gemeinsame Auftreten Tirols am europäischen und internationalen Markt, die gemeinsame Positionierung unseres Landes in Kultur und Gesellschaft wären ein wichtiges Zeichen für die Zukunft.
Als Bergwanderer sind mir Wegmarkierungen, markante Punkte und kundige Führer besonders wichtig. Eine dieser Markierungen war das Begräbnis Dr. Otto Habsburgs in Wien. Hier konnten die Tiroler Schützen zeigen, welche Kraft in ihrem Verband steckt. Das vielbeachtete Auftreten als einheitliche Formation wurde interessanterweise von den meisten Beobachtern als selbstverständlich hingenommen und kaum kommentiert. Wenn es uns also gelingt, Schritte zu setzen, durch die die intensivere Zusammenarbeit zwischen den Tiroler Landesteilen wieder als selbstverständlich empfunden wird haben wir einen wesentlichen Beitrag zum Zusammenwachsen unserer Landesteile geleistet.